Die Stauraumwohnung
Umbau in Lissabon von Bomo Arquitectos
Wer einmal in Südeuropa nach einer Studentenwohnung gesucht hat, kennt diese Apartments: Sechzigerjahre, dunkler Flur, große Fenster zur Straße. Filipe Moreira und Irene Bonacchi von Bomo Arquitectos gelang bei einer solchen Wohnung ein Umbau, der überraschend großzügig wirkt und an ein Loft erinnert. Dazu servierten die Architekten ihren Auftraggebern eine Extraportion versteckten Stauraum.
Eine Wohnung in Lissabons Stadtteil Alcântara – davon träumen viele, die in der portugiesischen Hauptstadt eine neue Bleibe suchen. Das Quartier ist zwischen der breiten Promenade am Wasser und dem riesigen Monsanto Park gelegen, hat hippe Läden wie alteingesessene Cafés zu bieten. Handwerksbetriebe liegen neben Co-Working-Spaces. Und: Das Stadtviertel schmiegt sich – ganz typisch für Lissabon – an den Hang.
In einer der Straßen, die quer zum Berg liegen, gestalteten Bomo Arquitectos eine 60 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung in ein Apartment mit 2,5 Zimmern um, das großzügig wirkt und perfekt ins Quartier passt. Die Ausgangslage war dabei eine schwierige: Nur rund 30.000 Euro standen für den Umbau zur Verfügung, entstehen sollte aber eine sehr hochwertige Mietwohnung. Dabei liegt die Wohnungstür direkt an der ziemlich lauten Straße auf Tiefparterreniveau, während die Fensterseite auf einen Garten hinausgeht und durch die Lage am Hang gut belichtet ist.
Im ursprünglichen Grundriss betrat man zuerst einen dunklen, engen Flur. Der Weg geradeaus führte in eine schmale Küche, zur linken Seite hin erreichte man ein Bad und den Wohnraum, der gleichzeitig Durchgang zum Schlafzimmer war. Alles in allem eine Wohnsituation, die nicht zu den aktuellen Erfordernissen passte: eine kleine, abgetrennte Küche ohne Möglichkeit, einen Tisch aufzustellen – und der Weg von hier zum Essplatz im Wohnzimmer führte nur über den Flur.
Ordnungsraum oben
Im Zuge des Umbaus wurde die Trennwand zwischen Küche und Wohnzimmer entfernt, aus Flur, Küche und Wohnzimmer entstand ein großer Raum. Die Küche rückte ins Wohnungsinnere und steckt nun – quasi halboffen – in einer Art Schlauch, der in Verlängerung der Eingangstür liegt. Schlaf- und Badezimmer blieben erhalten. Der Boden, ein kleinformatiges quadratisches Parkett, blieb ebenfalls erhalten und wurde nur an einigen Stellen ausgebessert. In der Küche bieten raumhohe Wandschränke genügend Stauraum für all die eher schönen als nützlichen Dinge, die sich im Laufe eines Lebens so ansammeln.
Geschickt über-stauraumt
Das eigentliche Stauraumwunder liegt allerdings noch über diesen Wandschränken, denn die Architekten machten aus einer Notwendigkeit eine Tugend: Weil sie in diesem drei Etagen umfassenden Geschosswohnungsbau tragende Wände abrissen, musste eine Betonplatte eingezogen werden, die die Lasten abfängt. Diese Betonplatte stellt, wie Filipe Moreira zugibt, eine durchaus rüde Reaktion auf die statische Frage dar. Statt sie in der Farbe der Wände zu streichen, ließ man sie roh und betont somit diesen ungewöhnlichen Zusatz. Und mehr noch: Die Platte kragt gar in Bade- und Schlafzimmer hinein und ist damit im gesamten Apartment sichtbar.
Die Ortbetonplatte wirkt nun im hinteren Bereich als eine Art Trennscheibe, die den Wohnraum in ein „unten“ und ein „oben“ teilt. Über der Platte schufen die Architekten Abstellflächen für noch seltener benötigte Dinge wie Koffer und Kindheitserinnerungen, Saisonkleidung oder das Silberbesteck von der Großmutter. Rund ein Drittel der Wohnung ist heute nicht „unterkellert“, sondern „über-stauraumt“. Das soll dabei helfen, stets Ordnung zu halten und sich beim Wohnen auf das Wesentliche konzentrieren zu können.
Jedes Ding hat seinen Platz
Inspiriert zu diesem Ordnungsraum über dem Eingangsbereich und der Küche wurden die beiden Architekten vom Konzept des „Put-away-house“ aus dem Jahr 1994 von Alison und Peter Smithson, in dem sich alles am Stauraum orientierte. Filipe Moreira ist ein Fan der britischen Architekten,. In diesem Konzept der Smithsons, veröffentlicht im Buch „Conversations with Students“, ging es darum, dass all die Dinge einen Platz finden, die sie „not-at-present-in-use-maybe-never-again-objects“ nannten. Und dass neue Dinge, die ins Haus gelangen, weggeräumt werden können, ohne erst die Ordnung in den einzelnen Räumen durcheinander zu bringen. Letzteres gelingt bei der Wohnung in Lissabon von Bomo Arquitectos nur teilweise, muss man doch erst in den großen Wohnraum treten, um an die Klappen für den Stauraum zu gelangen.
„Kram killt den Raum“
Für den Architekten Filipe Moreira ist es die rohe Betonplatte, die die Gestaltung des Apartments definiert – und diese ist auch eine Hommage an den Brutalismus der Smithsons. Lieblicher wirken dagegen die eigens angefertigten Türen für Küche und Wandschränke, für Stauraumklappen und Zimmer: Sie wurden alle in einem zarten Pastellblau gestaltet. Herumstehender „Kram“ würde von den exakt gefertigten Details nur ablenken und die Schönheit der Dinge empfindlich stören. „Kram killt einfach den Raum“, fasst Filipe Moreira zusammen. Diese Gefahr besteht hier jedenfalls nicht.
FOTOGRAFIE Do mal o menos
Do mal o menos
| Ort: | Alcantara, Lissabon |
| Fertigstellung: | 2019 |
| Fotograph: | Do mal o menos |
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