Reliefierter Wellenbrecher
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Mit der Casa Mar hat das Architekturbüro Coleman Davis Pagan eine großzügige Villa am Strand von Puerto Ricos Hauptstadt San Juan errichtet. Um dem stürmischen Wetter in der Region zu trotzen, wurde der zweigeschossige Betonbau in schützendem Abstand über das Grundstück gehoben. Doch von Trutzburg keine Spur: Die Architekten verwandelten die Fassaden in fein gegliederte Reliefs, die sich den Unwettern mit gestalterischer Raffinesse entgegenstellen.
26,5 Grad Celsius sind eine überaus angenehme Wassertemperatur zum Baden. Doch für Meteorologen schrillen bei dieser Zahl die Alarmglocken. Denn wenn die Ozeane am Äquator die kritische Temperatur übersteigen, beginnt die Zeit der tropischen Wirbelstürme. Ob als karibische Hurrikans, indische Zyklone oder pazifische Taifune: Sie senden neben orkanartigen Winden auch gefährliche Fluten an die Küsten, die sich zu Wellen von über fünf Metern in die Höhe türmen können.
Auch das karibische Puerto Rico bleibt nur selten von den Stürmen verschont. Von Anfang Juni bis Ende November dauert die gefährliche Saison, in der auf dem 160 Kilometer langen Eiland nichts mehr sicher scheint. Doch deren Bewohner leisten zunehmend Widerstand und wappnen ihre Häuser gegen die Macht der Unwetter. 550 Kilogramm betrug der Zementverbrauch pro Einwohner 2011 und lag damit rund doppelt so hoch wie in den USA. Rund ein Drittel der 1,9 Millionen Tonnen Zement, die derzeit auf der Insel pro Jahr verbaut werden, werden importiert. Tendenz weiter steigend.
Transparenz zum Meer
Dass eine Villa in unmittelbarer Nähe zum Strand dennoch keineswegs als trutzige Festung erscheinen muss, zeigen Coleman Davis Pagan Arquitectos aus San Juan. Das Wohnhaus, das sie für einen Unternehmer aus der Inselhauptstadt und seine Familie errichtet haben, versucht erst gar nicht, sich im Duktus kolonialer Strandhäuser inmitten der umliegenden Palmen zu verstecken, sondern schwebt in sicherem Abstand über dem Grundstück. Während die Wohn- und Schlafräume den zweigeschossigen Baukörper bespielen, dient das Erdgeschoss als Pufferzone für die einsetzenden Fluten.
Nur wenige Gartenmöbel wurden in dem zur Wasserseite geöffneten Bereich platziert und können bei drohender Gefahr in die oberen Räume in Sicherheit gebracht werden. Wie ein schützender Wall umrahmt eine Mauer aus Beton das gesamte Grundstück und verfügt nach Norden in Richtung Strand über eine breite Öffnung. Mithilfe eines rollbaren Stahltors kann der Blick zum Meer geöffnet werden, während tief verankerte Fundamente und Kellerräume für den nötigen Schutz vor starken Winden sorgen.
Poröser Einschub
Die Blicke zieht vor allem jener Einschub auf sich, der das Gebäude in einen nach Norden und einen nach Süden ausgerichteten Baukörper unterteilt: Das Treppenhaus, dessen westliche Fassade ein seltsam poröses Relief bildet und von auskragenden Sonnenfängern durchdrungen wird. Die Architekten ließen den Beton in einem warmen Terrakottaton durchfärben und anschließend mit dem Presslufthammer bearbeiten. Das stählerne Gerüst im Innen des Betons tritt somit an einigen Stellen nach außen, während die Fassade, die selbst keine tragende Funktion erfüllt, wie ein vom zersetztes Relikt vergangener Zeiten wirkt.
Auch auf dem Dach setzt sich die Fassade des Treppenhauses weiter fort. Die poröse, terrakottafarbene Oberfläche weicht wenige Meter nach dem Dachsprung einer weißen, wasserabweisenden Beschichtung, die das Licht-und Schattenspiel der nach oben ragenden Oberlichter umso stärker zu Geltung bringt. Diese holen das Sonnenlicht bis tief ins Erdgeschosses hinein, von wo aus das Gebäude mit drei hintereinander angeordneten Treppen erschlossen wird. Auch hierbei bewiesen die Architekten Sinn für die plastischen Qualitäten von Beton. Die Wand, die das Treppenhaus auf seiner gesamten Höhe flankiert, verfügt über eine stark profilierte Oberfläche aus horizontalen Streifen, mit der die Passage von einer Etage zur nächsten inszeniert wird.
Zwei Gesichter
Dient das Erdgeschoss als ein überdachtes Wohnzimmer im Freien mit Bar, Grillzone und vorgelagertem Pool, vereint das erste Obergeschoss die gemeinschaftlichen Räume. Im nördlichen Baukörper, der mit einer durchgehenden Verglasung zum Meer geöffnet wurde, liegen das Wohnzimmer, der Essbereich sowie ein verdunkelbarer Medienraum, wo auf einer großzügigen Sitzlandschaft Filme geschaut werden. Im südlichen Baukörper sind die Küche, Waschräume sowie die Schlafzimmer der Gäste untergebracht. Anders als die gläserne Seeseite wirkt dessen Fassade fast verschlossen. Um die Wucht des starken Sonnenlichts zu mildern, bilden vorgelagerte Sonnenblenden aus Beton ein orthogonales Raster, das von wenigen Fenstern durchbrochen wird.
Im zweiten Obergeschoss befinden sich die Schlafzimmer der Eltern und Kinder mit Blick auf das Meer, während die Bäder, Toiletten sowie ein Arbeitszimmer nach Süden ausgerichtet wurden. Die holzbeplankte Dachterrasse formt eine mäandernde Landschaft, aus der breite Sitzflächen hervortreten. Auf der Südseite wurden die Serviceräume mit einer großflächigen Photovoltaikanlage verkleidet, mit der ein Großteil des Energiebedarfs des Hauses selbst erzeugt werden kann. Zwar vermag auch diese während eines wütenden Hurrikans nur wenig auszurichten. Doch wenn sich der Sturm verzogen hat und viele Oberleitungen noch immer nicht repariert wurden, verläuft der Alltag in der Casa Mar schon wieder in seinen geregelten Bahnen.
FOTOGRAFIE José Fernando Vázquez Pérez
José Fernando Vázquez Pérez
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