Schwebende Treppe
Ein raumsparendes Pariser Apartment von Heju
Um in diesem Pariser Apartment ins Bett zu kommen, erfolgt der Aufstieg über einen mobilen Stufenblock, ein Küchenmöbel und eine Treppe aus gefaltetem Metall. Kühlschränke werden zu Wänden und das Kopfteil eines Bettes ist ein getarntes Sideboard. Mit ihren ungewöhnlichen Raumstrategien sparen die Planer*innen des französischen Studios Heju viel Platz – und geben die passende Antwort auf das Leben in einer Stadt mit notorischer Raumnot.
Zwei sehr konkrete, aber gleichzeitig möglichkeitsoffene Wünsche äußerten die Auftraggeber*innen gegenüber Hélène Pinaud und Julien Schwartzmann: Sie wollten ihre Wohnung mit Pastellrosa und hellem Birkenholz einrichten. Damit waren sie bei den Gründer*innen des Pariser Designstudios Heju an der richtigen Adresse. „Wir schaffen ein Universum, das japanische und skandinavische Einflüsse mischt“, sagt das Duo über seine eigene Ästhetik. Damit sind Pinaud und Schwartzmann sehr erfolgreich: Nachdem sie sich an der École Nationale Supérieure d'Architecture de Strasbourg kennengelernt hatten, gründeten die beiden Jahrgangsbesten 2015 ihr Studio in Paris. Seither haben sie einige Hotels und über ein Dutzend Apartments eingerichtet, viele maßgeschneiderte Möbel entworfen – und so eine individuelle gestalterische Handschrift entwickelt.
Aufstieg über den Tresen
Das Apartment Saint Antoine liegt im lebendigen und kosmopolitisch geprägten 11. Arrondissement und hat gleich zwei Vergangenheiten. In der Maisonette-Wohnung war unten eine Tischlerei untergebracht, der zugehörige Dachboden wurde als Lagerraum genutzt. Für die Designer*innen bestand eine große Herausforderung darin, die beiden Flächen sinnvoll und passend zur neuen Nutzung als Wohnraum zu verbinden. Da es keine Bestandstreppe gab, war eine clevere Lösung gefragt, die möglichst wenig Platz einnehmen und die zurückhaltende Ästhetik nicht stören sollte. Wer nun den Aufgang sucht, muss genau hinsehen und seine Fantasie walten lassen: Die Treppe führt oberhalb des Küchenblocks ins nächste Geschoss, endet aber über der Arbeitsplatte schwebend. Den unteren Absatz bildet ein mobiles Treppenelement, das vor das Mobiliar geschoben wird. Hoch geht es dann mithilfe eines Zwischentritts auf die Verlängerung der Arbeitsplatte.
Gefaltete Treppe
„Wir wollten, dass die Treppe wie ein gefaltetes Blatt Papier aussieht“, erläutern Hélène Pinaud und Julien Schwartzmann. „Pulverbeschichtetes Metall war die beste Wahl. Die Treppe wurde direkt an der Betonwand befestigt und wir haben ein Geländer in die Wand gefräst.“ Spielerische Momente, Augenzwinkern und ungewohnte Entdeckungen sind ein durchgängiges Motiv bei Heju. Ebenfalls in der Küche haben sie einen grünen, deckenhohen Schrank aus Holz so im Raum platziert, dass er den Blick auf den Flur versperrt. In ihm ist Stauraum für die Küchenutensilien untergebracht, aber auch der Kühlschrank. Erst beim Näherkommen offenbart sich der Durchgang dahinter. Wer herumgeht, kann den nächsten Raum betreten. In diesem haben die Planer*innen die Liebe ihrer Auftraggeber*innen für das Kunsthandwerk thematisiert und mit organischen Formen einen Kontrast zu den klaren Linien der Küche geschaffen.
Vom Lagerraum zu Schlafstuben
Highlight im Wohnbereich ist das wandfüllende Einbauregal, das bewusst so gestaltet wurde, als sei es ein Teil der Architektur. Es besteht aus Gipskartonplatten, die sich mit einem Finish aus Kalkfarbe zwischen den bestehenden Wänden einfügen. Rechteckige Regaletagen wechseln sich dabei mit Bogenfächern ab. „Ursprünglich wollten wir ein sehr strukturelles und systemisches Bücherregal entwerfen, aber unsere Kunden wünschten sich etwas Verspieltes, sodass wir Kurven integrierten und die Monteure baten, es ‚handwerklich‘ aussehen zu lassen“, erzählen die Designer*innen. Handwerkliche Herausforderungen gab es auch auf dem Dachboden. Das Obergeschoss befand sich in einem rohen, unausgebauten Zustand. Untergebracht werden mussten aber zwei Schlafzimmer – eines für die Eltern sowie eines für die Tochter, zwei Bade- und ein Arbeitszimmer.
Raumeffizienz unter dem Dach
Der gesamte Raum unter den Schrägen wurde voll ausgenutzt. Das Schlafzimmer der Tochter bekam ein Ensuite-Bad, das Elternschlafzimmer einen monumentalen und passgenau eingefügten Kleiderschrank. Das geriffelte Kopfteil des Bettes ist ein Multitalent: Es trennt den Raum, bietet seitlich Ablagenischen für Telefon, Bücher oder Lesebrille und erweist sich rückseitig als Kommode. Als Referenz an das Regal im Erdgeschoss wurde auch das Bad wie aus einem Guss gestaltet. Es ist durchweg mit beigefarbenem Beton ausgestattet, der für den Einsatz im Nassbereich gewachst wurde und integrierte Ablagen bietet. Mit der neuen Aufteilung der ehemals offenen Fläche in mehrere kleine Räume musste auch die Lichtsituation angepasst werden. Das eine Bestandsfenster wurde geschlossen und durch mehrere neue ersetzt. Schlussendlich ließ das Team von Heju noch rosa Akzente einziehen, die gemeinsam mit dem hellen Parkettboden dem ursprünglichen Wunsch der Auftraggeber*innen nach einer Wohnwelt in Holz und Pastell entsprechen.
FOTOGRAFIE Heju
Heju
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